„Klar" – der Titel seines ersten Musikvideos scheint bei Michael Wins Programm: die direkte Ansage, die warme Stimme, die Tiefe unter der Oberfläche. Eingängig waren seine Songs schon damals, modern und urban, mit einer Melancholie, die man nicht sofort zuordnen konnte. Das war 2012. Danach wurde es still.
Doch mit dem Attribut „klar" lässt sich der Singer/Songwriter Michael Wins bis heute nicht fassen. Denn Michael Wins ringt um etwas, das größer ist als ein einzelner Song – um die Frage, wohin eine Stimme gehört, die zwischen zwei Welten gewachsen ist. Als Russlanddeutscher kam er vor über dreißig Jahren nach Deutschland. Dem Sänger merkt man seine Herkunft kaum noch an. Und doch ist sie da. Unter der Oberfläche ringen Kulturen und Sprachen miteinander. Dort, in der unbändigen Weitläufigkeit des Westsibirischen Tieflands, wo sich wilde Träume und faszinierende Landschaften ranken. Hier, Deutschsprechen, Jackson als erstes Idol, ein Klavier. Bösendorfer oder Steinway, alles schien möglich in diesem nahen fremden Land. Der zehnjährige Sergej Wins saß im Dazwischen, wurde zu Michael – und die Musik wurde sein Schutzraum.
Zwölf Jahre lang gab er anderen seine Stimme. Als Diplom-Gesangspädagoge unterrichtete er Hunderte von Schülern, von sieben bis siebenundachtzig, in Norddeutschland und später in Hamburg. Er wusste, wie Stimmen funktionieren. Nur seine eigene hatte er auf Pause gestellt.
2024 kam sie zurück. Nicht zaghaft, nicht als Versuch – sondern mit „Nur mit Dir" und „Veteran", zwei Singles, die klingen, als hätten sie schon immer da gewesen sein müssen. Das Bunker-Video zu „Veteran" wurde auf einem Kurzfilmfestival gezeigt. Neue Songs entstehen gerade im Hamburger Studio: Dünne Fäden, Platz am Fenster, In allen Farben, Tattoo, IMROT, Scherben – Lieder über das Dazwischen, das Bleiben, das Weitermachen.
In seiner Musik legt Michael Wins den verlockenden Duft von Weichspüler und Mainstream ab, legt Narben frei, lässt Brüche zu. Er signiert Songs mit seinem russischen Geburtsnamen, und das hat etwas zutiefst Ehrliches. Tiefslawische Melancholie. Deutsches Songwritertum. Kein Comeback – denn er war nie weg. Nur woanders.
(Frei nach Anja Krone)
